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Ein Wochenende, das Mut machte

Bericht vom Angehörigentreffen in Bad Dürrheim

(aus der ILCO-PRAXIS 3/18)

Im Rahmen des diesjährigen Fortbildungs- und Austauschtreffens für Aktive im Landesverband Baden-Württemberg fand vom 6. bis 8. April 2018 in Bad Dürrheim wieder ein gesondertes Programm für die Angehörigen von darmkrebsbetroffenen Menschen oder Stomaträgern statt. Vorbereitet und organisiert wurde dies von Christa Jooß und Traudel Kern, geleitet und moderiert – wie bereits 2017 – von der Psychologin und Psychoonkologin Dr. Sandra Adami. Die Teilnehmergruppe bestand aus fünf Männern und zehn Frauen.

Ziel der Begegnungstage war es, sich losgelöst vom Alltag im geschützten Kreis der Gleichbetroffenen über seine eigene Befindlichkeit als Angehörige/r, seine Erfahrungen und Fragestellungen, vielleicht auch mögliche Probleme im Umgang mit der Krankheit des Partners/der Partnerin auszutauschen.

Die Verpflichtung zur Verschwiegenheit – alles was gesprochen wird bleibt im Raum – war gleich zu Beginn eine wichtige Voraussetzung für gegenseitiges Vertrauen unter den Gruppenmitgliedern. Niemand war verpflichtet, sich aktiv einzubringen. Dem einen fällt es leichter, sich in der Gruppe zu äußern, andere hatten hierin bisher weniger Übung. Aber sehr schnell zeigte sich, dass emotional alle sehr stark voneinander profitierten.

Den Einstieg zum gegenseitigen Kennenlernen am Freitagabend bildete eine Übung mit verschiedenen Bildkarten, die zur Verfügung gestellt wurden. Jede/r wählte ein Bild, welches sie/ihn besonders ansprach. Alle Gruppenmitglieder stellten anschließend ihr Bild vor und begründeten, warum es genau dieses Bild sein musste und was sie damit verbinden.

Persönliche Daten rückten dabei eher in den Hintergrund. Die Auswahl der Fotos öffnete den Raum, um über Erfahrungen, Wünsche, Hobbys oder persönliche Empfindungen zu berichten. Dies war ein gelungener Einstieg, der sehr schnell zu einem Wir-Gefühl führte.

Am zweiten Tag waren unsere Themen die "Kommunikation in der Partnerschaft" und der "Umgang mit Schuldgefühlen". Es zeigte sich schnell, wie groß der Redebedarf der Teilnehmenden war. Dr. Adami ging auf jeden sehr einfühlsam ein, stellte Fragen und spiegelte uns die jeweilige Situation hilfreich wider.

Deutlich wurde dabei, wie wichtig es ist, Wünsche in der Partnerschaft zu äußern und dabei auf die richtige Frageform zu achten, bei Konflikten "Ich-Botschaften" zu senden und neben dem Schauen auf mögliche Defizite den positiven Werten in der Partnerschaft viel Platz zu geben. Ziel in einer solch schwierigen Zeit sind das gemeinsame Wachsen und das Achten darauf, was der jeweils andere tragen kann. Es wird vom Umfeld eines Betroffenen oft zu wenig nach der Befindlichkeit des/der Angehörigen gefragt. Auch Angehörige haben ein Recht darauf, dass ihre Bedürfnisse und Wünsche nicht zu kurz kommen.

Unsere Psychologin achtete sehr genau darauf, dass bei unserem intensiven Austausch immer auch wieder Pausen zur Entspannung mit entsprechenden Übungen zum Tragen kamen. Wir hatten durch den gegenüberliegenden Kurpark von Bad Dürrheim mit seiner "Sole-Allee" und strahlendem Sonnenschein hervorragende Bedingungen für Übungen zum "Loslassen und Entspannen". Dies war ein optimaler Einstieg für unsere weiteren Themen am Nachmittag "Stressbewältigung, Selbstwert und meine Kraftquellen".

In unserer Runde wurde immer wieder deutlich, dass nur ein starker Partner den direkt Betroffenen stützen kann. Auch für den Angehörigen ist es daher sehr wichtig, seine Kraftquellen zu kennen. Dies stärkt die Partnerschaft und gibt beiden Kraft. Es ist notwendig, gerade in schwierigen Situationen, für sich Wege zu (er)kennen, Stress und Belastungen abzubauen und über seine eigenen Gefühle zu reden. Die offenen Gespräche in unserer Gruppe zeigten wieder, wie groß das Bedürfnis danach ist und wie hilfreich es für den Einzelnen sein kann.

Am Ende des Nachmittags schrieb jeder und jede auf die zu Beginn des Treffens jeweils gewählte Bildkarte Stichworte oder Beispiele der eigenen Kraftquellen sowie was sie sich wünschen und auf was sie achten werden. Diese eigene Karte begleitete jeden von uns nach Hause und soll dazu auffordern, sich die Inhalte immer mal wieder in Erinnerung zu rufen. Am Abend stand Dr. Adami dann, soweit Bedarf bestand, noch für Einzelgespräche zur Verfügung.

Der Tag klang aus mit einem gemütlichen gemeinsamen Abend für alle, die zu diesem Wochenende gekommen waren – ein Abend, der von Traudel Kern und Dieter Belschner musikalisch gestaltet wurde.

Der letzte Tag des speziellen Begegnungsangebotes für Angehörige wurde von Traudel Kern mit einem kurzen Referat über die ILCO eingeleitet. Im Anschluss daran stand unser Fazit der vergangenen beiden Tage im Mittelpunkt: Wie hat jeder und jede die gemeinsame Zeit erlebt? Was ist uns wichtig bezüglich weiterer Angebote für Angehörige, welche Impulse können wir anschließend im Plenum mit allen Delegierten, den Mitgliedern des Landesvorstandes und den Regional- und Gruppensprechern hinsichtlich der Weiterentwicklung der Arbeit mit Angehörigen und für Angehörige einbringen?

Auch bei diesem Austausch im großen Kreis entstand wieder eine lebhafte Diskussion über den Bedarf, Angehörige als eigenständige Zielgruppe wahrzunehmen, für sie Angebote unter Gleichbetroffenen zu schaffen und auch über ihre eigene Befindlichkeit und ihre Erfahrungen zu sprechen. Diese Angebote sollen in keinem Fall als Konkurrenz zu den bestehenden ILCO-Gruppen gesehen werden, sondern eine positive Ergänzung der bestehenden ILCO-Gruppenarbeit darstellen. Im Plenum wurde dann festgelegt, dass in Baden-Württemberg jährlich in der Regel paralles zu möglichen Austauschtreffen/Delegiertenversammlungen oder ähnlichen größeren Veranstaltungen jeweils ein gesondertes Angebot für die Angehörigen vorgesehen wird. Weitergehende Ideen werden geprüft.

Allen Beteiligten an dem Wochenende ist es ein Anliegen, Mut zu machen, das Thema "Angehörige in der ILCO" noch mehr als bisher in den Fokus zu nehmen.

Christa Jooß

... und so haben Teilnehmer das Treffen erlebt

Es stärkt und sehr!

Das "Begegnungswochenende für Angehörige" wurde sehr gut von Christa Jooß und Traudel Kern vorbereitet. Diplom-Psychologin Dr. Adami konnte wieder als Referentin gewonnen werden. Sie hat uns mit viel Kompetenz, Feingefühl und Herzlichkeit in diesen Stunden begleitet. Ich glaube, es hat den 14 Teilnehmern sehr gut getan, sich auszutauschen über Probleme wie zum Beispiel "Kommunikation in der Partnerschaft" und "Umgang mit Schuldgefühlen". Auch Themen wie Stressbewältigung und Kraftquellen waren für uns sehr wichtig.

Ich hoffe, dass es in Zukunft noch viele solcher Treffen für Angehörige gibt. Es stärkt uns sehr. Nur so können wir für unseren kranken Partner wichtige Unterstützung und Gesprächspartner sein und ihnen Halt geben.

Frau P.H.

 

Man fühlte sich verstanden

Geschrieben einen Tag nach dem Wochenende, noch voll unter dem Einfluss des Erlebten: Es wäre ein Segen für jeden Angehörigen, einmal in den Genuss dieser neu ins Leben gerufenen Arbeitsgemeinschaft zu kommen. Ahnungslos, skeptisch und ohne jegliche Erwartung nimmt man erstmals daran teil und möchte dann keine Minute des Treffens missen.

In liebevoll organisiertem Rahmen, unter höchst professioneller Leitung einer Diplom-Psychologin, unter dem Siegel der Verschwiegenheit für alles Gesagte und einer unvergleichlich offenen Herzlichkeit fand dieses Treffen statt. Jeder einzelne Teilnehmer durfte seine Besorgnisse, seinen Kummer, seine Gefühle, seine Betroffenheit, seine Grenzen und sein Mitgefühl zum Ausdruck bringen. Er durfte, er musste nicht – und doch leistete jeder seinen Beitrag. Ein Patentrezept zum Thema Kommunikation unter Partnern, zur Darlegung seiner eigenen Bedürfnisse oder zur Findung seiner persönlichen Kraft- und Energiequellen gibt es nicht. Aber Anstöße, Fallbeispiele, Empfehlungen wurden ermittelt, aus denen jeder Teilnehmer seinen Part für sich selbst herausnehmen wird. Man fühlte sich verstanden, man stand mit gelegentlich aufkommenden Selbstzweifeln nicht alleine da, man war eingebettet in eine wunderbare Gemeinsamkeit.

Unterbrochen wurden die beiden Gesprächsrunden jeweils durch Kaffeepausen, Spaziergänge und Achtsamkeitsübungen mit unserer wunderbaren Psychologin. Eine höchst angenehme Unterbrechung der äußerst interessanten und anspruchsvollen Beiträge.

Ich danke – bestimmt im Namen aller Teilnehmer und Teilnehmerinnen – den großartigen Organisatorinnen Traudel Kern und Christa Jooß, die in einer sehr gekonnten Art und Weise die Ergebnisse unserer Gesprächsrunden vor dem Plenum zusammenfassten. Und wir danken von ganzem Herzen Dr. Sandra Adami für ihre fachliche, kompetente und besonnene Leitung der Gespräche.

Wie gesagt... es wäre ein Segen für jeden Angehörigen... wenn diese Begegnungen auch in anderen Regionen Schule machen könnten.

Frau H.P.

 

Dieses Zusammenkommen war für uns ein Segen

Eigentlich war am Freitagabend nur ein kurzes Vorstellen der Gruppe geplant, aber kaum saßen wir zusammen, sprudelten die Emotionen heraus – so als hätte man einen Staudamm geöffnet. Dieses Zusammenkommen war für uns ein Segen, aus verschiedenen Gründen:

Zuerst einmal hat die Psychologin Sandra Adami uns wunderbar begleitet, voller Empathie zugehört und all unsere Emotionen zugelassen. Eine ganz wichtigeVoraussetzung für das Gelingen des Zusammentreffens von Angehörigen war, dass wir einen geschützten Rahmen vereinbarten, von dem nichts nach außen dringen sollte. Dann war auch ganz viel Glück dabei, dass wir alle – mit völlig unterschiedlichen Lebensläufen – so wunderbar harmonierten. Es war oft traurig und ernsthaft, dann wieder fröhlich und dankbar.

Ich war überrascht, wie viele Parallelen da zum Vorschein kamen. Viele Statements der Teilnehmer lösten bei den Zuhörenden heftiges Nicken, Zustimmung oder ab und zu eine Träne aus. Wir saßen eindeutig im selben Boot, was die Themen Ängste, Schuldgefühle, Sorgen und Persönliches betraf.

Es war unglaublich, wie schnell die Zeit verging. Das war ein Erlebnis, von dem wir wohl noch lange zehren werden. Ein Fazit vielleicht: Nichtbetroffene waren betroffen, wie sehr sie Mitbetroffene sind...

Ich selber wünsche mir, dass wir uns wieder einmal zum Gedankenaustausch treffen können und möchte an dieser Stelle herzlich danken: Den Teilnehmenden (die mir richtig ans Herz gewachsen sind) für die – oft schonungslose – Offenheit. Ich danke Traudel Kern und Christa Jooß, dass sie dieses tolle Projekt angestoßen und organisiert haben. Und ganz herzlich bedanke ich mich für den "Glücksfall Sandra Adami", die uns wie eine Freundin begleitet hat.

Herr P.S.

Diese sehr persönlichen und berührenden Rückmeldungen ermuntern vielleicht den einen oder anderen Angehörigen, ebenfalls an solch einer Veranstaltung teilzunehmen. Deswegen hier die Information: Der ILCO-Bundesverband bereitet für 2019 bereits ähnliche Austauschtreffen – auch außerhalb Baden-Württembergs – vor. Interessierte Angehörige können sich gerne in der Bundesgeschäftsstelle melden.

Weitere Begegnungen

(Bericht aus der ILCO-PRAXIS 2/18)

Unter dem Titel "Mein Lieblingsmensch hat Krebs" fand vom 23. bis 24. März 2018 zum ersten Mal ein Begegnungswochenende der ILCO für Angehörige statt. Für die Durchführung hatte sich der Bundesverband erfahrene Referentinnen und das organisatorische Know-how der Mildred-Scheel-Akademie in Köln zur Seite geholt.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an diesem Seminar - ausschließlich Angehörige - kamen aus verschiedenen Regionen Deutschlands. Sie sind mehrheitlich selbst schon einige Zeit in der ILCO aktiv und auch ihre direkt betroffenen Partner engagieren sich in der ILCO.

Im Mittelpunkt dieser zwei Tage in Köln standen das Mit(er)leben einer schweren Erkrankung des Partners oder der Partnerin und die damit verbundenen Sorgen und Ängste. Diese Belastungen werden häufig vom Umfeld, aber auch von den Angehörigen selbst nicht ernst genug genommen. Nicht selten sind Angehörige am Rande ihrer Belastbarkeit - und bisher gibt es wenige Angebote für Angehörige, die ihnen die Möglichkeit zum Durchatmen und zu einem Gedankenaustausch mit anderen Angehörigen bieten.

Nachdem in den letzten Jahren bereits im Rahmen von Landesveranstaltungen und auch bei den ILCO-Tagen Angehörige zu ersten Austauschgesprächen zusammen gekommen waren, die von diesen überwiegend als hilfreich und längst überfällig empfunden worden waren, wurde der Wunsch geäußert, diesem Austausch einen größeren Raum und mehr Zeit zu geben. Es sollte nicht nur geredet, sondern konkret etwas für die Angehörigen getan werden.

Unter der Leitung von Kirsten Fey und Nicole Nolden, sie schon seit vielen Jahren Veranstaltungen für Angehörige durchführen, fand somit jetzt beim ersten Begegnungswochenende ein reger Gedankenaustausch statt. Die Zeit verging dank der beiden guten Referentinnen viel zu schnell. So war eine fröhliche und gedeihliche Zusammenarbeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gewährleistet. Es wurde sich über Themen ausgetauscht, für die im Alltag oft kein Platz ist. Diese Themen anzusprechen, dafür fehlt sonst manchmal auch der Mut. So wurde darüber geredet, warum es einem als Angehörigen schwer fallen kann, mit dem erkrankten Partner oder auch innerhalb der Familien oder des Freundeskreises über seine eigenen Belastungen und Empfindungen zu sprechen.

Mit angeleiteten Übungen kamen auch das "Zur-Ruhe-Kommen" und die persönliche Entspannung nicht zu kurz. Alle Teilnehmenden verließen das Treffen mit neuen Erfahrungen und einer positiven Bewertung dieses Begegnungswochenendes. Nun wird sich eine ILCO-Arbeitsgruppe damit beschäftigen, in welcher Form dieser "Modellversuch" wiederholt wird.

Wenn auch Sie einmal an einem solchen Treffen für Angehörige teilnehmen wollen, dann melden Sie sich doch bitte beim Bundesverband Deutsche ILCO, Tel. 0228 338894-50 oder E-Mail info@ilco.de

Michael Schmidt